Neujahrsempfang des Kultur- und Heimatvereins Niederzissen

SozialwissenschaftlerProfessor Dr. Stefan Sell referierte

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Professor Dr. Stefan Sell referierte

Kreisbeigeordneter Horst Gies (MdL), MdL Guido Ernst, Vorsitzender Richard Keuler, Ortsbürgermeister Rolf Hans und Bürgermeister Johannes Bell (v.l.) waren vom Vortrag von Prof. Dr. Stefan Sell (3.v.l.) beeindruckt. WK

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Professor Dr. Stefan Sell referierte

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Niederzissen. Zu Beginn des Jubiläumsjahres zum zehnjährigen Bestehen des Kultur- und Heimatvereins Niederzissen konnte der 1. Vorsitzende Richard Keuler beim nunmehr achten Neujahrsempfang des 2007 gegründeten Vereins im Foyer der Bausenberghalle in Niederzissen zahlreiche Gäste begrüßen.

Er freute sich über den großen Zuspruch und hieß alle zum Start ins neue Jahr willkommen. Besonders begrüßte er den Kreisbeigeordneten Horst Gies (MdL), MdL Guido Ernst, Bürgermeister Johannes Bell, Ortsbürgermeister Rolf Hans, Pfarrer Horst Küllmer sowie die Vorsitzende des Pfarrgemeinderates St. Germanus Niederzissen, Alwine Ewering, und die Vertreter der ortsansässigen Geldinstitute.

Darüber hinaus hieß er auch die Ortsbürgermeister Elisabeth Dahr (Oberdürenbach), gleichzeitig auch Beigeordnete der Verbandsgemeinde Brohltal, Manfred Sattler (Wassenach), Werner Breuer (Königsfeld) sowie den ehemaligen Königsfelder Ortsbürgermeister Hans-Josef Zipp willkommen. Keuler begrüßte auch die Vertreter der örtlichen sowie der befreundeten Vereine und freute sich, dass diese so zahlreich erschienen waren. Einen ganz besonderen Willkommensgruß richtete er an Professor Dr. Stefan Sell, der in einem interessanten und aufschlussreichen Vortrag die Themen „Wie entwickelt sich die Gesellschaft? Was bedeutet das für die örtliche Gemeinschaft?“ äußerst locker und teils humorvoll behandelte.

Kurzer Jahresrückblick

Richard Keuler schaute zu Beginn des Empfangs in einem kurzen Jahresrückblick auf das Vereinsgeschehen zurück, wobei er besonders auf die ehemalige Synagoge als Erinnerungs- und Begegnungsstätte einging. In der ehemaligen Synagoge wurde zwischenzeitlich ein Jüdisches Museum eingerichtet, das er als „Leuchtturmprojekt“ bezeichnete, welches rege besucht werde (2016 = 1735 Besucher). In diesem Zusammenhang dankte er besonders dem Förderverein „Kulturgut ehemalige Synagoge“, der in den vergangenen Jahren beachtliche Geldzuwendungen hierzu aufgebracht hat. All das sei nur möglich dank großzügiger finanzieller Unterstützung von Sponsoren.

Keuler machte klar, dass das Leben in der Gemeinde geprägt sei von einem Geben und Nehmen. „Viele Ehrenamtler wirken oft im Stillen, ohne Aufhebens und Tamtam. Stellvertretend für alle nenne ich heute die rührige Mannschaft des Seniorentreffs Niederzissen, die seit 20 Jahren jeweils 50 Wochen im Jahr an jedem Mittwoch den Treff hier im gleichen Raum organisiert“, lobte Keuler. Das sei alle Ehre wert und im Kreis Ahrweiler und vielleicht auch darüber hinaus seines Wissens wohl einmalig.

Veränderungen

in der Gesellschaft

Ortsbürgermeister Rolf Hans wies in seinen Grußworten auf die Veränderungen in der Gesellschaft hin. Viele fühlten sich von dieser Entwicklung überfordert, woraus sich ein egoistisches Denken und Handeln entwickelt habe. Die Wahrheit entspreche bei vielen nur den eigenen Interessen. Handelten öffentliche Personen oder Behörden nicht nach den eigenen Vorstellungen, sei von Lug und Trug die Rede. Es gäbe jedoch auch positive Erscheinungen in der Gesellschaft. „Viele Bürgerinnen und Bürger engagieren sich auf vielfältige Weise ehrenamtlich zum Wohle unserer Gemeinschaft. Damit wird soziales Denken und Handeln entwickelt, ohne die eine Gesellschaft nicht existieren kann“, bemerkte Hans. Ohne das ehrenamtliche Engagement in den Vereinen wäre die Gesellschaft um einiges ärmer. Er hob die beachtlichen Leistungen des Kultur- und Heimatvereins insbesondere im Hinblick auf die ehemalige Synagoge hervor. Auch der Neujahrsempfang sei ein Markenzeichen des Vereins, bei dem Vertreter aus Wirtschaft, Politik und aus den Vereinen zusammenkommen und glänzende Vorträge zu den unterschiedlichsten Themen erleben. „Brandaktuell und von großem Interesse“ bezeichnete er das Thema, zu dem Professor Dr. Stefan Sell anschließend referierte.

„Wie entwickelt sich

die Gesellschaft?“

Mit dem am RheinAhrCampus der Hochschule Koblenz tätigen Sozialwissenschaftler hatte man einen Referenten gewonnen, der zu den Themen „Wie entwickelt sich die Gesellschaft? Was bedeutet das für die örtliche Gemeinschaft?“ aufschlussreiche Informationen für die Zuhörer im Gepäck hatte. In seinem rund 45-minütigen Vortrag befasste er sich unter anderem neben der inneren Sicherheit vor allem mit der sozialen Sicherheit.

Gleich zu Beginn seines Referates stellte er bisweilen falsche Wahrnehmungen richtig. Oft werde im Bereich der Sicherheitspolitik (Kriminalität) von den Menschen erklärt, es werde alles schlimmer. Diese Wahrnehmung sei jedoch falsch. Man habe noch nie sicherer gelebt, was die Kriminalstatistik belege. „In den 70er Jahren war die Zahl der Mordopfer und Raubüberfälle wie auch der Jugendgewalt und Sexualdelikte größer als heute, was wir heute oft nicht mehr wahrhaben wollen. Selbst in den Brennpunkten Berlins ist die Jugendgewalt stark rückläufig. Einzige Ausnahme ist die Zahl der Wohnungseinbrüche“, erklärte Prof. Dr. Sell. Gerade die gestiegene Zahl der Wohnungseinbrüche stelle die schlimmste Beeinträchtigung für die Betroffenen mit dem Eindringen in die Privatsphäre dar. Das Ansteigen dieser Zahlen sei ein „Erfolg unseres Wohlstandes“. Das Wohlstandsgefälle führe dazu, dass man in die Opferrolle gelange.

Doch bei den Sorgen der Deutschen stehe die Kriminalität ohnehin nicht an vorderster Stelle. Hier habe 2006 noch die Arbeitslosigkeit bei etwa 80 Prozent an der Spitze der Sorgen der Deutschen gestanden. Diese sei jetzt auf etwa 10 Prozent gesunken. Etwa auf dem gleichen Niveau bewegen sich auch die Bedenken wegen Rente und Altersversorgung, Preis- und Kaufkraftentwicklung, wirtschaftliche Stabilität, Armut, Bildungspolitik, Friedenssicherung, Kriminalität und Soziale Sicherung.

Erhöhte Sorge

um Zuwanderung

Dagegen habe sich die Sorge um die Zuwanderung von 15 Prozent (im Jahre 2006) auf 80 Prozent erhöht. Die Entwicklung der Zuwanderungszahlen machte er anhand der aktuellen Zahlen für Rheinland-Pfalz deutlich. „Die Zahlen des letzten Jahres waren dabei nicht die höchsten. Nach dem 2. Weltkrieg nahm Rheinland-Pfalz fast 120.000 Menschen auf und zu Beginn der 90er Jahre (Wiedervereinigung) rund 60.000 Menschen. Im Jahre 2016 kamen 55.000 Menschen nach Rheinland-Pfalz, wobei nicht die Flüchtlinge die größte Zahl der Zuwanderer stellten, sondern EU-Ausländer.

Dabei stellte unser Nachbarland Polen die größte Zuwanderergruppe“, wie Prof. Sell feststellte.

Trotz der gestiegenen Zuwanderungszahlen sieht Sell bei der Entwicklung der Arbeitszahlen in den nächsten zehn Jahren einen Arbeitskräftemangel auf Deutschland zukommen. „Aber es werden nicht die Akademiker sein, die uns fehlen, sondern die Handwerker und Fachkräfte“, machte Sell deutlich und belegte dies am Beispiel der Verbandsgemeinde Brohltal mit der Veränderung bei den Altersgruppen.

Jeder 4. wird dann nicht mehr da sein, auch wenn die Zahlen der Zuwanderung berücksichtigt werden. In den Jahren 2000 bis 2013 war die Zahl der unter 50-Jährigen in fast allen Altersstufen rückläufig. Bei den Sechs- bis Neunjährigen sank sie fast um 36 Prozent. Die Zahl der über 80-Jährigen stieg dagegen um 45 Prozent.

Die Prognose für 2035 zeigt keine andere Tendenz. Dann stellen die 65- bis 79-Jährigen in der Verbandsgemeinde Brohltal mit rund 4.300 Personen die größte Bevölkerungsgruppe.

Aus dieser Konstellation ergeben sich für Prof. Dr. Sell neue Themenschwerpunkte: Pflege, Altersarmut sowie Mobilität und Lebensqualität. Er machte anhand von Zahlen klar, dass die Pflegebedürftigkeit der über 75-Jährigen zunehme. Auch die Altersarmut steige deutlich an. Viele der Menschen, die in ihrem 45-jährigen Arbeitsleben durchschnittlich verdient haben, erreichen dann eine Rente von 1.200,00 Euro. Doch sehr viele könnten dieses Einkommen dann nicht mehr erreichen trotz der Grundsicherung und Aufstockung der Renten. Viele würden aus Scham und Angst auch den ihnen zustehenden Anspruch auf Aufstockung nicht wahrnehmen. „Für diese Menschen brauchen wir die entsprechende Infrastruktur“, mahnte Sell und machte deutlich, dass die Betreuung der älteren Menschen zukünftig einen größeren Platz einnehmen werde. „Ohne den Einsatz der Dorfgemeinschaft werden wir das nicht stemmen können.

Die Lebensqualität vor Ort hängt auch von der Infrastruktur ab“, so Sell, womit er auch auf die Mobilität einging. Gerade in der heutigen Zeit sei diese wichtig, wobei gerade auf dem Lande die verkehrsmäßige Anbindung oft von allergrößter Bedeutung sei.

Professor Sell wies im Hinblick auf die Pflege der älteren Menschen besonders auf die Pflegekräfte aus Osteuropa hin. Seiner Auffassung nach würde das Pflegesystem, wie es in Deutschland vorhanden sei, innerhalb weniger Tage zusammenbrechen, wenn es diese Pflegekräfte nicht gebe. In Deutschland seien allein über 30.000 Ärzte aus diesen Bereichen tätig, besonders im Osten des Landes.

„Würden diese Ärzte ihre Arbeit niederlegen, käme dies einem Zusammenbruch gleich“, ist Sell überzeugt.

Der Vorsitzende des Kultur- und Heimatvereins Niederzissen, Richard Keuler, dankte Professor Dr. Sell für seinen überaus interessanten und informativen Vortrag mit einen Basalt-Krotzen vom Bausenberg mit Widmung, der auch in diesem Jahr von Heinz „Manes“ Schröder aufgearbeitet war.

Kultur und Heimat

Kreisbeigeordneter Horst Gies sah den KHV mit seinem Kulturprogramm auf dem richtigen Weg.

„Kultur und Heimat macht unsere Region aus“, erklärte Gies in seinen Grußworten. Auch Bürgermeister Johannes Bell sah im KHV Niederzissen eine wichtige Ergänzung und Bereicherung im örtlichen Geschehen. Er bewahre die Kultur und sich betätige sich auch vielfach ehrenamtlich. Den Besuchern wünschte er ein friedvolles und erfolgreiches Jahr 2017. Bevor man dann zum anschließenden Imbiss und gemeinsamen Gesprächen übergehen konnte, wies Richard Keuler noch auf die nächsten Veranstaltungen des Kultur- und Heimatvereins Niederzissen hin.